Förderung der Schreibmotorik: Eine Basis für gerechte Bildungschancen

In Deutschland haben alle Kinder theoretisch die Möglichkeit, das Gymnasium zu besuchen und das Abitur abzuschließen. Doch die Realität sieht oft anders aus: Wenn Kinder diesen Weg nicht einschlagen, liegt es häufig nicht an mangelnder Begabung, sondern an den ungleichen Startbedingungen.

Zahlreiche Studien belegen, dass die Chancenungleichheit an deutschen Schulen nach wie vor hoch ist. Zu den entscheidenden Einflussfaktoren gehören die soziale Herkunft, der Bildungsstand der Familie, sprachliche Barrieren sowie biografische Hintergründe wie Einwanderungs- oder Fluchterfahrungen.

 

Diese mit der Geburt „sozial zugeschriebenen“ Lebensbedingungen prägen, wie Kinder gefördert werden, welche Lerngelegenheiten sie erhalten und wie gut sie auf schulische Anforderungen vorbereitet sind.

 

Zahlen einer aktuellen Studie des ifo-Instituts (2024) verdeutlichen das Problem:

  • Während nur etwa ein Viertel der Kinder aus sozial benachteiligten Familien ein Gymnasium besucht, sind es mehr als die Hälfte der Kinder aus sozial besser gestellten Haushalten.
  • In Bayern ist der Zusammenhang zwischen Herkunft und Abiturabschluss im Ländervergleich besonders hoch.

 

Oft stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob denn jedes Kind das Gymnasium besuchen muss. Schließlich werden auch Fachkräfte und Menschen, die Ausbildungsberufen nachgehen, benötigt. Diese Frage greift jedoch zu kurz. Es geht um die reale Möglichkeit, diesen Weg wählen zu können, unabhängig von der Herkunft.

 

Mehr als nur Noten: Das Fundament muss stimmen

 

Besorgniserregend sind abgesehen von der Frage des Bildungsaufstiegs und der Verteilung der Schulabschlüsse die schwache Grundbildung an deutschen Schulen. PISA- und IGLU-Studien zeigen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Kinder in Deutschland im Lesen und Rechnen nur die unterste Kompetenzstufe erreicht. Besonders betroffen sind dabei auch wieder Kinder mit schwacher sozialer Herkunft oder fehlenden Sprachkenntnissen im Deutschen (bpb). Laut des neuesten IQB-Bildungstrends (2021) erreichten bis zu 30 % der Viertklässlerinnen und Viertklässler nicht die erforderlichen Mindeststandards im Fach Deutsch. Ein großer Bestandteil dieser Anforderungen ist die Schreibkompetenz. 

 

Lesen, Schreiben und Rechnen sind grundlegende Basiskompetenzen und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben. Wer diese Kompetenzen nicht beherrscht, ist in unserer Informationsgesellschaft dauerhaft benachteiligt.

 

Frühe Förderung: Die entscheidenden Weichen vor dem Schulstart

 

Forschungsinstitute wie das DIW Berlin betonen, dass ein entscheidender Hebel zur Verringerung von Ungleichheit bereits vor der Einschulung liegt. Die Jahre vor der Einschulung sind eine sensible Entwicklungsphase, in der sich grundlegende Fähigkeiten in den Bereichen Sprache, Motorik und Lernverhalten herausbilden.

 

Kinder, die frühzeitig systematisch gefördert werden, starten mit deutlich besseren Voraussetzungen in die Schule und können schulische Anforderungen leichter bewältigen. Umgekehrt führen fehlende Förderangebote zu Entwicklungsunterschieden, die später nur schwer aufzuholen sind.

 

Doch gerade einkommensschwache Familien stehen vor Hürden: Oft fehlen finanzielle Mittel für Förderangebote. Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten besuchen zudem seltener eine Kindertageseinrichtung, obwohl sie besonders von dieser Förderung profitieren würden (Jessen et al. 2018). So öffnet sich die soziale Schere bereits vor dem ersten Schultag.

 

Unser Schwerpunkt: Schreiben als Schlüsselkompetenz

 

Das Schreibmotorik Institut setzt hier an und fokussiert sich auf eine zentrale Schlüsselkompetenz für den Lernerfolg: die Entwicklung schreibmotorischer Fähigkeiten. Die Grundlagen werden bereits im Vorschulalter gelegt und umfassen unter anderem die Feinmotorik, die Hand-Auge-Koordination sowie die Fähigkeit, den Stift entspannt zu halten und flüssige Bewegungsabläufe auszuführen. Sie entscheiden nach der Einschulung darüber, ob ein Kind im Unterricht kognitive Ressourcen für Inhalte und Rechtschreibung frei hat – oder ob es mit der flüssigen Stiftführung, den richtigen Schreibdruck oder Ermüdungserscheinungen in der Schreibhand bereits überfordert ist.

 

Mit der gemeinnützigen Initiative Kritzelpate fördern wir gezielt Kinder im Vorschulalter. In Kleingruppen von sechs Kindern stärken ehrenamtliche Kritzelpat:innen individuell die schreib- und feinmotorischen Fertigkeiten. Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels in Kitas, der eine solche Einzelbetreuung zunehmend erschwert, leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Studien zeigen zudem, dass Kinder mit weniger günstigen Startbedingungen besonders von Patenschaftsprogrammen profitieren (DuBois et al., 2002).

 

Auch nach der Einschulung – oft bis in die weiterführenden Schulen – bleiben schreibmotorische Defizite eine große Herausforderung. Nahezu jede:r zweite Schüler:in kämpft mit einer schnell ermüdenden Schreibhand, Verkrampfungen oder einem unleserlichen Schriftbild (STEP 2022). Unser Fortbildungsangebot für die Primar- und Sekundarstufe richtet sich gezielt an Lehrkräfte, die diesen Problemen im Schulalltag begegnen und nach wirksamen Methoden zur Unterstützung ihrer Schüler:innen suchen.

Durch gezielte Schreibförderung – sowohl im Vorschulalter durch Projekte wie Kritzelpate als auch durch Fortbildungen für Lehrkräfte – können Entwicklungsunterschiede früh ausgeglichen werden. So erhalten Kinder die Grundlagen, die sie für schulischen Erfolg, gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Lernen brauchen.

 

Frühe Förderung ist mehr als reine Kompetenzvermittlung: Sie öffnet Chancen, stärkt Selbstvertrauen und trägt dazu bei, dass Herkunft oder der soziale Hintergrund nicht über den Bildungserfolg bestimmen.

 

Quellen

 

Bundeszentrale für politische Bildung. (2018). Chancengleichheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/174634/chancengleichheit-zwischen-anspruch-und-wirklichkeit/

 

DuBois, D. L., Holloway, B. E., Valentine, J. C., & Cooper, H. (2002). Effectiveness of mentoring programs for youth: A meta-analytic review. American Journal of Community Psychology, 30(1), 157–197. 10.1023/A:1014628810714

 

Jessen, J., Schmitz, S., Spieß, C. K., & Waights, S. (2018). Kita-Besuch hängt trotz ausgeweitetem Rechtsanspruch noch immer vom Familienhintergrund ab. DIW Wochenbericht, 85(38), 826–835.

 

Schreibmotorik Institut & Verband Bildung und Erziehung (VBE). (2022). STEP 2022: Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben. Bundesweite Lehrerinnenbefragung (Primar- und Sekundarstufe). https://www.schreibmotorik-institut.com/step_2022/

 

Wößmann, L., Schoner, F., et al. (2024). Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer. ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München. https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-05-ungleiche-bildungschancen-woessmann-etal-.pdf

 

Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. (2022). IQB-Bildungstrend 2021: Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern am Ende der 4. Jahrgangsstufe in Deutsch und Mathematik im Ländervergleich. https://www.iqb.hu-berlin.de/de/schule/primarstufe/bildungstrend/2021/

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